WARUM EIN ÖSTERREICHISCHER KAISER HEILIG GESPROCHEN WERDEN SOLLTE:
Betrachtungen aus amerikanischer Sicht

Br. Nathan Cochran, O.S.B.

Einleitung

"Sind Sie ein Monarchist?"
"Warum liegt einem Amerikaner etwas an einem österreichischen Kaiser?"
"Kommt ihre Familie aus Österreich?"

Im Laufe meines Einsatzes für die Causa der Heiligsprechung Kaiser Karls I. höre ich diese und viele andere Fragen häufig. Meistens sind es Österreicher oder Menschen anderer Nationalität aus dem früheren Österreich-Ungarn, die so fragen. Und meistens handelt es sich um eine ungläubige Frage – so als ob es unverständlich wäre, was an diesem Mann Besonderes sein könnte.

Es handelt sich wahrscheinlich um naive Fragen, aber dennoch zeigen sie, dass Kaiser Karls Geschichte nicht oft genug oder nicht weitgehend genug erzählt wurde. In amerikanischen Geschichtsbüchern– ebenso wie in vielen österreichischen – wird Kaiser Karls Regentschaft häufig in eine Fußnote relegiert. Dabei ist seine Bedeutung jedoch weitaus größer, als von den Historikern – und zwar besonders von solchen, die von Vorurteilen nicht ganz frei sein dürften – anerkannt wird. Ich sage das, weil sie, wenn sie mit der Geschichte des letzten Habsburger Kaisers vertraut wären, sich bewusst würden, dass Karls Leben, Charakter, Ehre und Treue allgemeingültig sind und jeden etwas angehen – ganz abgesehen von der Politik, der Rasse oder Nationalität.

Die oben erwähnten Fragen haben daher wirklich nichts mit dem Thema zu tun. Die Frage, die man stellen sollte, lautet: "Warum ist Karl von Österreich einer Heiligsprechung würdig?" Darauf gibt es eine fünffache Antwort: Weil der selige Karl ein Mann des Glaubens, ein Mann der christlichen Familie, ein katholischer Monarch, ein entschiedener Friedensstifter und ein nach Gottes Willen Suchender war.

Ein Man Des Glaubens

Karl wurde im Jahre 1916, während des Ersten Weltkriegs, letzter Kaiser Österreich- Ungarns. Während seiner kurzen Herrschaft arbeitete er kontinuierlich daran, zwischen allen Krieg führenden Ländern Frieden zu schließen. Er besaß ein soziales Bewusstsein und schuf zum Wohl seines Volkes viele humanitäre Dienste. In dieser Hinsicht war er den anderen Staatsoberhäuptern seiner Zeit voraus. Als die Gefechte beendet waren, war das Reich am Zusammenzubrechen, und Karl sollte bald gezwungen werden, sich von der Regierung zurückzuziehen. Dann wurde er ins Schweizer Exil geschickt. Von dort aus unternahm er, vom Vatikan, vom französischen Premierminister und von zahlreichen Loyalisten in Ungarn unterstützt, zwei Versuche, seine ungarische Krone wiederzuerlangen; beide Versuche endeten jedoch erfolglos. Er wurde dann auf die Insel Madeira verbannt, wo er innerhalb von fünf Monaten, am 1. April 1922, im Alter von 34 Jahren verstarb.

Von Kindheit an bewies Karl von Österreich sein ganzes Leben hindurch ein Bewusstsein von Gottes Gegenwart und christlicher Pflicht. Als Kind liebte er es, bei der täglichen Messe mit seiner Mutter, Erzherzogin Maria Josefa, zu beten, und war damals schon für seine karitativen Taten bekannt. Er kannte alle Gebete, die ein katholischer Jugendlicher damals lernte, und sprach sie, besonders den Rosenkranz, sehr gerne. Als Heranwachsender und auch später als Erwachsener unternahm er gern Pilgerreisen zu Marienheiligtümern.

Schon als Kind sorgte er sich um die Armen und Bedürftigen. So verrichtete er in der Nähe seines Heims verschiedenste Arbeiten, um Geld zu verdienen und dann zu verschenken. Es gibt Zeugnisse aus der Zeit, als er 18 Jahre alt war, in denen seine Wohltätigkeit festgehalten ist; und auch als Kaiser verschenkte er weiter privat karitative Gaben. Es gibt eine Aussage eines seiner Berater, der die Verteilung der Almosen des Kaisers aus dessen persönlichem Haushalt leitete. Der Berater setzte ihn darüber in Kenntnis, dass kein Geld mehr übrig war, und Karl sagte: „Die Not ist so groß, such das Geld irgendwo anders und verteile es!“

Der selige Karl betete sein ganzes Leben lang gern. Er empfing täglich die heilige Kommunion, und am Ende der Messe betete er das „Veni Creator“. Er sprach täglich das Morgenund das Abendgebet und den Rosenkranz. Er betete häufig die Herz-Jesu-Litanei, die Litaneien der heiligen Jungfrau Maria und des heiligen Joseph; er war Mitglied der Bruderschaft Unserer Lieben Frau und trug das Skapulier. Karl verehrte innig das heiligste Sakrament und konnte davor glückliche Stunden der Anbetung zubringen. Man fand ihn, wo immer er war, zu Hause, im Büro und auf dem Schlachtfeld, regelmäßig beim Beten. Er spornte all seine Soldaten zum Beten an und forderte häufig seine Umgebung auf, sich seinem Gebet anzuschließen, um damit ein Treffen oder ein Unternehmen zu beginnen. Darüber hinaus verehrte der Kaiser die Engel, besonders den Heiligen Erzengel Michael, den er zum Schutzpatron der kaiserlichen Armee machte.

Karl von Österreich war gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater, den er als Christi Stellvertreter anerkannte, und behandelte Bischöfe und Priester mit Respekt. Er war als loyaler, liebenswürdiger, großzügiger und fröhlicher Kamerad bekannt, der seinen Glauben ungekünstelt lebte und praktizierte. Durch die Aussagen jener, die ihn gut kannten, ist klar, dass der zukünftige Heiliger seinen Glauben ernst nahm und seine Beziehung zu Gott pflegte, und den Lehren der römisch-katholischen Kirche in treu ergeben folgte.

Ein Der Christlichen Familie Treu Ergebener Mann

Als junger Knabe kam Karl häufig mit den Kindern des Herzogs Robert von Parma in deren Heim in Schwarzau zusammen, das sich in der Nähe der Heimat seiner Kindheit in Reichenau befand, und spielte mit ihnen. Als er begann, sich ernsthaft nach einer Gemahlin umzuschauen, entsann er sich der jungen Prinzessin Zita von Bourbon-Parma, eines von Herzog Roberts 24 Kindern. Karls Mutter hatte ursprünglich versucht, sein Interesse für eine von Zitas älteren Schwestern zu erwecken, aber sein Herz war auf Zita erpicht. Nach kurzem Werben um sie wurde ihre Verlobung am 13. Juni 1911 angekündigt. Getraut wurden sie am 21. Oktober 1911 in der Kapelle der Familie von Bourbon-Parma in Schwarzau. Die Verbindung war mit acht Kindern gesegnet: Otto, Adelheid, Robert, Felix, Karl Ludwig, Rudolph, Charlotte und Elisabeth (die nach Karls Tod geboren wurde).

Karl und Zita waren beide fromme Katholiken, und von Anfang an gehörte ihr Glaube zu ihrer Beziehung. Karl machte Zita seinen Heiratsantrag vor dem heiligsten Sakrament beim Gnadenbild von Mariazell. Auf ihrer Hochzeitsreise wurden sie von dem berühmten Jesuitenprediger Fr. Karl Maria Andlau begleitet. Am Vorabend ihrer Hochzeit sagte Karl zu Zita: „Nun müssen wir uns gegenseitig helfen, in den Himmel zu kommen.“ Seine Hingabe an die Muttergottes wird an seinem Ehering offenbar, in den er die folgendes Gebet eingravieren ließ: „Sub tuum praesidium confugimus, sancta Dei Genitrix“ („Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin“).

Die Trauungszeremonie wurde von Monsignore (später Kardinal) Bisleti, dem Päpstlichen Gesandten Pius X., vorgenommen, der einen vom Papst verfassten Hochzeitssegen verlas und ihnen auch ein vom Papst stammendes Geschenk überreichte. Während ihrer Hochzeitsreise kehrten sie nach Mariazell zurück, um ihre Vereinigung unter den Schutz der heiligen Jungfrau Maria zu stellen.

Karl und Zita hatten eine liebevolle Beziehung zueinander und waren einander seelenverwandt. Mit Hingabe unterstützten sie sich gegenseitig und waren geprägt von den selben christlichen Werten. In diese liebevolle Umgebung hinein wurden ihre Kinder geboren, und jedes Kind wurde als ein Geschenk Gottes umhegt. Man lehrte Sie ihre Gebete und den Katechismus, sobald sie diesen verstehen konnten, und oft fungierte Karl selbst als ihr Lehrer. Die Familie betete täglich gemeinsam, besonders wurden die Andachten des ersten Freitags eingehalten. Als Otto, das älteste Kind, seine Erstkommunion empfing, weihte der selige Karl seine Familie dem heiligsten Herz Jesu. Gleichermaßen waren die ersten heiligen Kommunionen aller Kinder wichtige Familienereignisse, die mit besonderer Freude gefeiert wurden.

Als Vater war Karl liebevoll, fromm und einfühlsam. Mitten in einer seiner größten Prüfungen – Krieg, Ablehnung, Armut und Exil – waren ihm seine Kinder die größte Freude und die größte Ermutigung. Sein einziger Trost über den Verlust seines Throns bestand in der Tatsache, dass er mehr Zeit mit seiner Gemahlin und seiner Familie zubringen konnte. Diese Zeit des Zusammenseins – ob alle gemeinsam in einem Zimmer lasen, spielten oder beteten, oder draußen gemeinsam spazieren gingen oder wanderten oder sich anderen Beschäftigungen wie der Jagd, dem Bootfahren oder dem Fischen widmeten – war für ihn eine große Kostbarkeit. Als er im Sterben lag, betete er für all seine Kinder und nannte sie der Reihe nach beim Namen, und eines seiner häufigen Gebete lautete: "Sorge für meine Kleinen. Lass sie lieber sterben als eine Todsünde begehen – bewahre sie an Leib und Seele!"

Ein Katholischer Monarch

Die Habsburger Monarchie pflegte eine schon lang andauernde enge Beziehung zur römisch-katholischen Kirche. Als politische Nachfolgerin des Heiligen Römischen Reiches trug sie eine doppelte Verantwortung für das geistliche und weltliche Wohl ihrer Untertanen. In diesem Zusammenhang war der Monarch Österreich-Ungarns sowohl Staats-als auch Kirchenoberhaupt. Dabei ist anzumerken, dass die Habsburger Kaiser, obwohl sie Apostolische Majestäten mit dem Auftrag waren, den katholischen Glauben zu verbreiten und das Wohl der Kirche zu fördern, sich auch gegenüber den nichtkatholischen Bekenntnissen, die sich in ihrem Reich fanden, tolerant verhielten. Juden, Moslems und Protestanten standen unter dem Schutz der Krone, und es wurde ihnen gestattet, in Frieden ihrem Glauben gemäß zu leben. Karl wurde dieser Rolle vollkommen gerecht und war so ein hervorragendes Vorbild eines Staatsoberhaupts, das eifrig für das geistliche und weltliche Wohl seines Volkes wirkte.

Um in der ungarischen Hälfte der Doppelmonarchie verfassungsgemäß regieren zu können, war eine Krönung notwendig. Da der Erste Weltkrieg wütete und Eile geboten war, wurde die Krönung in Budapest frühzeitiger als üblich anberaumt, und nichtsdestoweniger mit großer Feierlichkeit zelebriert. Karl und Zita bereiteten sich geistig auf das Ereignis vor, das für beide ein bewegendes Erlebnis war und ihre Seelen bestärkte. Sie wurden vom ungarischen Kardinalprimas als Apostolische Majestäten gesalbt und gekrönt. Nachdem sie die heilige Kommunion empfangen hatten, wurde ihnen der Auftrag erteilt, die ungarische Verfassung und das Wohl der römischkatholischen Kirche zu wahren.

Karl nahm beide Aufträge ernst. Er war bestrebt, die richtigen ethischen und moralischen Entscheidungen zu treffen, auch wenn das Übersehen mancher seiner Pflichten ihm manches leichter gemacht und es ihm vielleicht sogar ermöglicht hätte, seinen Thron zu behalten. Alle Entscheidungen, Handlungen, Befehle und Gesetze wurden unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten bedacht, wobei das Kriterium galt, dass das Vorgeschlagene sowohl dem weltlichen als auch dem geistlichen Wohl des Volkes förderlich sein musste. Seiner Überzeugung nach waren diese beiden Funktionen untrennbar miteinander verbunden, handelte es sich doch um Aufgaben, die ihm unter der Schirmherrschaft der Kirche von Gott anvertraut waren – und damit um eine treuhänderisch zu erfüllende heilige Pflicht.

In allem, was er tat, handelte er dieser heiligen treuhänderischen Pflicht entsprechend. Daheim richtete Kaiser Karl ein Ministerium für Sozialfürsorge ein – das erste seiner Art in der Welt. Der Auftrag des Ministeriums bestand darin, sich mit sozialen Angelegenheiten wie Jugendfürsorge, Sorge um die Kriegsversehrten, Witwen und Waisen, mit Sozialversicherung, Arbeiterrechten und Arbeitsplatzschutz, Arbeitsvermittlung, Arbeitslosenunterstützung, Emigrantenschutz und Wohnungsvermittlung zu befassen. Wann immer er konnte, wandelte er Todesstrafen um. Auch drängte er seine ungarischen Minister beständig, das allgemeine Wahlrecht in Ungarn einzuführen (bedauerlicherweise widersetzten sich die Minister seinen Anordnungen, und das Wahlrecht wurde während seiner Herrschaft nicht Gesetz). Karl ordnete die Einführung der Rationierung am Hof an, genau wie sie im übrigen Wien auch galt. Er organisierte Suppenküchen, verwendete Pferde und Fuhrwerke des Hofes, um den Wienern Kohle zu liefern, kämpfte gegen Wucher und Korruption und verschenkte den Großteil seines privaten Reichtums, indem er Almosen verteilte, die seine Mittel überstiegen. Er begab sich unters Volk, litt mit ihm und ermutigte es mit seiner Anwesenheit und seinen Worten. Seine Untertanen nannten ihn "den Volkskaiser", ein Titel, auf den er mehr als auf seine Adels-und königlichen Prädikate hielt.

An der Kriegsfront stoppte er strategische Bombenangriffe auf Zivilbevölkerungen und zivile Gebäude, schränkte den Gebrauch von Senfgas ein und war strikt gegen den U-Boot-Krieg und die Verminung von Häfen. Er schaffte die militärische Strafe ab, die im Fesseln der Handgelenke an die Fußknöchel bestand, untersagte Duelle und verbot das Auspeitschen. Er erließ eine Amnestie für alle, die von Militär-oder Zivilgerichten auf Grund einer Anklage wegen Hochverrats, Majestätsbeleidigung, Landfriedensbruchs, Aufstandes oder Aufruhrs verurteilt worden waren. Unter Einsatz seines eigenen Lebens besuchte er die Soldaten an den Fronten und in den Lazaretten, leistete dabei allen moralischen Beistand, den er geben konnte, und beobachtete die Kämpfe aus nächster Nähe. Als Oberkommandierender pflegte Karl seine Männer nirgendwohin zu senden, wohin er selber Angst gehabt hätte zu gehen. Seine Art, jederzeit unerwartet wo auch immer aufzutauchen, veranlasste seine Soldaten, ihm den liebevollen Spitznamen „Karl der Plötzliche“ zu geben. Seine Anwesenheit erfüllte sie mit Mut und Tapferkeit.

Was die moralische Ebene betrifft, so war der Kaiser um das geistliche Wohl seines Volkes besorgt. Er hatte Pläne, überall in Wien Kirchen zu erbauen, um allen Wienern den leichten Zugang zu Kirchen zu ermöglichen. Er bestand auch darauf, dass Gottes Name in allen Gesetzen und Akten seiner Regierung genannt werde, weil Gesetze auf der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen basieren sollten. Er erließ Gesetze zum Schutz der Leser vor unzüchtigem Lesestoff, initiierte eine Bewegung zur Versorgung der Soldaten mit guten Büchern, förderte den Druck katholischen Schrifttums und die Entwicklung einer katholischen Presse. So viele Gesetze und Bewegungen er auch schuf, um die Moralität seines Volks zu heben, so ging er ihm doch in erster Linie durch das Beispiel seines eigenen Lebens voran, eines Lebens, das Gott, der Familie und der Heimat gewidmet war.

Am Ende des Krieges begann die Revolution sich auf das ganze Reich auszubreiten. In Wien traten Mitglieder seiner Regierung an ihn heran und ersuchten ihn abzudanken. Er weigerte sich strikt, indem er erklärte: „Meine Krone ist ein heiliges Pfand, das mir von Gott anvertraut wurde. Ich darf dieses Pfand und mein Volk nie aufgeben.“ Während das Reich buchstäblich auseinander brach und die österreichische Regierung dem Chaos anheim fiel, wurde er schließlich gezwungen, eine Verzichtserklärung zu unterzeichnen, indem er sich vorübergehend von der Regierung zurückzog, bis das Volk darüber würde entscheiden können, welche Regierungsform es wünschte. Es war keine Abdankung – er behielt die ihm von Gott anvertraute Gabe, mochte dies auch Exil und Armut bedeuten.

Kaiser Karl zog sich nach Eckartsau, auf ein Jagdgut der Familie außerhalb Wiens, zurück, von wo aus er später ins Schweizer Exil geschickt werden sollte. Während er sich im Exil befand, traten mehrfach skrupellose Menschen und Gruppen an ihn heran, die ihm die Rückkehr auf seinen Thron anboten. Sie hatten natürlich darüber hinaus gehende selbstsüchtige Motive für ihre Angebote. Karl schlug diese aus, indem er sagte: „Als katholischer Monarch werde ich niemals einen Pakt mit dem Teufel schließen – nicht einmal für die Rückkehr auf meinen Thron.“ Auf Grund seiner fortgesetzten Weigerung abzudanken wurde er schließlich in die Schweiz ins Exil geschickt. Er verbrachte mit seiner Familie einige ruhige Jahre in der Schweiz, wurde jedoch ständig in Ersuchen aus Ungarn um seine Rückkehr gebeten. Ungarn war zu dieser Zeit noch eine Monarchie, und Karl war der rechtmäßige König. Er unternahm zwei Versuche, seinen Thron von seinem Reichsverweser Admiral Horthy zurückzuerlangen. Beim ersten Mal überzeugte Admiral Horthy ihn davon, dass die Zeit noch nicht reif sei, ihn auf dem unbesetzten Thron als König wiedereinzusetzen, und dass noch weitere Vorbereitungen zu treffen seien. In die Schweiz zurückgekehrt, erhielt Karl jedoch weitere Ersuchen zurückzukehren und zugleich Berichte, die ihn davon überzeugten, dass Horthy ihn verraten und nicht die Absicht hatte, den Thron zurückzugeben. Karl unternahm einen zweiten Restaurationsversuch, der von der französischen Regierung und vom Vatikan unterstützt wurde. Diesmal jedoch belog Admiral Horthy Universitätsstudenten in Budapest, bewaffnete sie und sandte sie gegen ihren rechtmäßigen König. In dem Glauben, Karl werde von slowakischen Kräften gefangen gehalten, forderten die Studenten die Armee heraus, die Karl die Treue hielt. Als er sah, dass es ein Blutvergießen in seinem Namen geben würde, ergab er sich, statt den Marsch mit den ihm loyalen Truppen auf die Hauptstadt fortzusetzen, und sagte: „Die Rückkehr meiner Krone ist das Vergießen unschuldigen ungarischen Blutes nicht wert.“

Kaiser Karl wurde gefangen genommen und dann auf die Insel Madeira ins Exil verbracht, wo er bald darauf todkrank wurde. Gegen Ende seiner Krankheit rief er sein ältestes Kind, Kronprinz Otto, an seine Seite. Er wollte, dass sein Sohn und Erbe Zeuge seines Glaubens angesichts des Todes sei, und sagte: „Ich will, dass er sieht, wie ein Katholik und ein Kaiser stirbt.“ Auch dies zeigt deutlich, dass Karl seine geistlichen und weltlichen Aufgaben als untrennbar miteinander verwoben ansah. Als liebevoller Vater und guter Monarch widmete Karl während der letzten Tage seines Lebens seine Gebete dem Volk seines ehemaligen Reiches. Er vergab seinen Feinden und jenen, die ihn verrieten und ins Exil schickten. Sein leidenschaftlichster Wunsch war, in seine Heimat zurückzukehren. Er betete für seine Heimat und sagte: „Ich muss so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden.“

Ein Entschiedener Friedensstifter

Von allem Anfang seiner Regentschaft an arbeitete Karl daran, Frieden für sein Reich zu schaffen. Er war gegen die Kriegserklärung gewesen, und jetzt war er in der Lage, dem sinnlosen Töten und Kämpfen ein Ende zu bereiten. In seiner Thronbesteigungsrede erklärte er: „Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um die Schrecken und Opfer des Krieges zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu beenden und die schmerzlich vermissten Segnungen des Friedens für meine Völker zurückzugewinnen.“

Kaiser Karls tiefster Wunsch war es, das durch den Ersten Weltkrieg verursachte Töten und Leiden zu beenden. Als Erzherzog und Mann des Militärs kannte er das auf den Schlachtfeldern der verschiedenen Fronten entfesselte Töten und Verstümmeln aus eigener Anschauung. Als Kaiser sah er das Leiden und Hungern seines Volks während seiner Besuche in verschiedenen Groß-und Kleinstädten und Dörfern seines gesamten Reiches. Als Erbmonarch sah er das durch zahlreiche Revolutionäre drohende Verhängnis für seine Dynastie voraus.

So versuchte Karl, mit den Entente-Mächten in Geheimverhandlungen einzutreten. Seine Schwäger, Prinz Sixtus von Bourbon-Parma und Prinz Xavier von Bourbon-Parma, die auf Seiten der Entente beim Militär dienten, fungierten als Vermittler zwischen dem Kaiser und den französischen und englischen Führern. Die Prinzen wurde heimlich nach Österreich eingeschleust, um mit Kaiser Karl mögliche Lösungen für den Krieg diskutieren zu können. Das Ergebnis ihrer Diskussionen bestand darin, dass der Kaiser einen an Prinz Sixtus adressierten vertraulichen Brief schrieb, der den Entente-Mächten gezeigt werden konnte, um sie von Karls gutem Willen zur Verhandlung eines Friedens und seiner Bereitschaft zu überzeugen, dabei zu helfen, seinen deutschen Verbündeten an den Friedenverhandlungstisch zu führen. Er schloss den Brief mit den Worten: „In der Hoffnung, dass wir bald auf beiden Seiten in der Lage sein werden, dem Leiden so vieler Millionen Menschen und so vieler Familien, die in Trauer und Sorge leben, ein Ende zu setzen...“

Weil der Erfolg dieses Versuchs gänzlich von seiner Vertraulichkeit abhing, gab es einen großen Skandal, als es zu einem Streit zwischen dem österreichischen Außenminister Graf Ottokar Czernin und der neuen französischen Führung kam. Der Inhalt des Briefes wurde enthüllt, und während der nun folgenden Anschuldigungen und Leugnungen der verschiedenen Minister wurde Karls Einfluss auf seine Verbündeten beeinträchtigt, und sein Ansehen, das bei der Entente als realistische Voraussetzung zum Frieden gegolten hatte, war ruiniert. Die Friedensinitiative brach zusammen, der Krieg wurde verlängert, und es gab noch einige der blutigsten Kampftage, die den Verlust von über zwei Millionen weiterer Menschenleben zur Folge hatten.

Obwohl die Friedensverhandlungen mittels seines Schwagers durch die "Sixtus-Affäre" beendet wurden, gab Karl seine Bemühungen um den Frieden nicht auf. Er machte deutlich, dass es ihm einzig darum ging, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, und dass er, da er nicht zu den ursprünglichen Krieg Führenden gehörte, die ideale Person war, die den Krieg beenden könnte. Während der zweiten Hälfte seiner Regentschaft ordnete er die Fortführung der Verhandlungen an. Diesmal fanden die Gespräche in der Schweiz statt, und zwar zwischen Graf Czernin für Österreich-Ungarn und Graf Armand für die Franzosen. Die Gespräche gingen fast bis zum Ende des Krieges weiter, jedoch führten bedauerlicherweise alle Diskussionen zu keinem Ergebnis.

Ein anderer Weg zum Frieden, den Karl unterstützte, bestand im Friedensplan Papst Benedikts XV. Karl nahm den Plan ohne Bedingungen an. In einem vom 1. August 1917 datierten Brief schrieb er dem Papst, dass er von den ersten Tagen seiner Regentschaft an den Frieden suchte. Er fuhr fort:

. . . wir gaben der Hoffnung Ausdruck, dass Österreich-Ungarn einen Frieden finden werde, durch den das zukünftige Leben der Menschen von Verbitterung und Rache befreit werde, so dass die kommenden Generationen vor dem Einsatz von Waffen geschützt sind. Unterdessen hat unsere Regierung nicht aufgehört, unseren ununterbrochenen Ruf nach Frieden zu wiederholen – einen Ruf, der von der ganzen Welt vernommen wurde – um so dem Wunsch und dem Einverständnis des Volks der österreichisch-ungarischen Monarchie Ausdruck zu verleihen, dem Blutvergießen dem Eurer Heiligkeit vorliegenden Friedensplan entsprechend ein Ende zu setzen.

Die anderen Krieg führenden Parteien lehnten den Plan jedoch rundweg ab, weil er im wesentlichen die Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen vorsah. Die übrigen Kombattanten wollten um ihrer selbstsüchtigen Vorteile willen, dass der Krieg weitergehe: die Italiener, weil die Entente ihnen alle österreichischen Gebiete versprochen, die sie am Kriegsende besetzt hielten – doch hatten sie noch keines der versprochenen Gebiete besetzt. Die Franzosen wollten den Krieg fortsetzten, um am Kriegsende als Sieger dazustehen und in der Lage zu sein, Deutschland zu bestrafen und ihm Elsass-Lothringen zu nehmen. Die Engländer wollten ebenso am Ende des Krieges in einer dominierenden Position sein, um bessere Bedingungen aushandeln zu können. Schließlich wollten die Deutschen, weil sie zu jener Zeit Aussicht hatten, den Krieg zu gewinnen, ihn fortsetzen, um ihr Gebiet sogar noch weiter ausdehnen zu können.

Als die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg eintraten, wendete sich das Blatt gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn. Als Präsiden Woodrow Wilson seine berühmten „Vierzehn Punkte“ vorschlug, akzeptierte Kaiser Karl alle Punkte bedingungslos. Der Krieg hätte nun enden können, doch erkannten Frankreich und die Vereinigten Staaten überraschend eine Gruppe böhmischer Flüchtlinge in Paris als rechtmäßige tschechoslowakische Exilregierung an, statt Karls Einwilligung in Wilsons Forderungen anzunehmen. Die anderen ethnischen Gruppen und Nationalitäten im Kaiserreich erblickten darin die Chance für ihre Unabhängigkeit und begannen, ihre Loslösung von Österreich-Ungarn zu erklären. Frankreich und die Vereinigten Staaten ermutigten sie dazu, und bald wurde klar, dass das Reich dabei war, von innen und von außen demontiert zu werden – und dass Karl nichts tun konnte, um diesen Prozess zu stoppen.

Es ist unbestreitbar, dass Karl alles in seiner Macht Stehende versuchte, um seinem Reich und Europa Frieden zu bringen. Sogar Schriftsteller aus dem Lager der feindlichen Kombattanten erkannten diesen Wesenszug an. Der französische Romanschriftsteller und Satiriker Anatole France schrieb:

Kaiser Karl ist der einzige anständige Mensch, der aus dem Krieg in einer Führungsposition hervorging, doch er war ein Heiliger und niemand hörte auf ihn. Er wollte aufrichtig den Frieden, und darum hasste ihn jeder. Es war eine wunderbare Chance, die verpasst wurde.

Herbert Vivian, ein englischer Schriftsteller, sollte später über sein Zusammentreffen mit dem Kaiser schreiben:

Karl war ein großer Führer, ein Friedensprinz, der die Welt vor einem Jahr des Krieges bewahren wollte; ein Staatsmann mit Ideen, wie sein Volk vor den komplizierten Problemen seines Reiches zu bewahren war; ein König, der sein Volk liebte, ein furchtloser Mann, eine edle Seele, vornehm, ein Heiliger, von dessen Grab Segen ausgeht.

„Dein Wille Geschehe“

Am 9. März nahm Kaiser Karl seine beiden ältesten Kinder mit in die Stadt Funchal, um ein Geburtstagsgeschenk für Karl-Ludwig zu kaufen, der am folgenden Tag vier Jahre alt werden sollte. Auf dem Gipfel des Berges, auf dem sie wohnten, war die Luft von dichtem Nebel erfüllt, kalt und feucht, während es am Fuß des Berges, in der Stadt, sonnig und warm war. Auf dem Rückweg erhitzte sich der Kaiser durch die Anstrengung übermäßig, und für das kühlere Klima auf dem Gipfel des Berges war er nicht hinreichend bekleidet. Dadurch wurde ein chronisches Lungenproblem, an dem er mehrere Jahre lang gelitten hatte, wieder akut. Ein paar Tage später stieg Karl wieder nach Funchal hinunter, aber als er heim kam, ging er erschöpft mit Husten und Fieber zu Bett. Da er sich keinen Arzt leisten konnte, schob er den Ruf nach ärztlicher Hilfe hinaus, und seine Krankheit verschlimmerte sich, indem sie sich zu einer Lungenentzündung und einer Grippe entwickelte.

Schließlich ließ man Ärzte kommen, aber Karl war ernsthaft krank und in einem geschwächten Zustand. Sie verabreichten ihm Kampfer-, Terpentin-und Koffeininjektionen; sie legten ihm Senfpflaster an und gaben ihm kleine Ballone mit Sauerstoff, wenn dieser zu bekommen war. Schließlich ratlos, schröpften sie seinen Rücken – eine schmerzvolle Prozedur, welche die Infektion aus dem Körper saugen sollte.

Trotz seines Leidens beklagte sich der Kaiser nie wegen seiner Schmerzen oder seiner Todesangst. Tatsächlich war er mehr über die Schwierigkeiten, die er dem Haushalt bereitete, und die Möglichkeit, dass er andere anstecken könne, beunruhigt. Das Ausmaß seines Leidens wurde offenbar, als man zufällig hörte, wie er zu sich selbst sprach: „Es ist doch gut, dass es ein Vertrauen auf das heiligste Herz Jesu gibt. Sonst wäre das alles nicht zu ertragen.“ Karls Hingabe an das heiligste Herz Jesu war besonders groß. Wohin er auch reiste, nahm er ein Bild mit, das er unter seinem Kissen verwahrte. Während seiner letzten Krankheit hütete er auch eine Reliquie des Wahren Kreuzes, eine Reliquie zweiter Klasse von Papst St. Pius X., und eine Reliquie von Br. Konrad.

Seine Gemahlin blieb während seiner Qualen fast ständig bei ihm, hielt ihn in den Armen, tröstete ihn und betete mit ihm. Er betete für seinen ältesten Sohn Otto und ebenso für all seine Kinder. Er vergab jenen, die ihn verraten hatten, und betete für seine Untertanen. Am Vorabend seines Todes sagte er: „Ich muss so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden.“ Sein häufigstes Gebet lautete jedoch: „Dein Wille geschehe!“

Am Morgen seines letzten Tages flüsterte er seiner geliebten Gattin zu: „Ich liebe dich unendlich“, und sie hielt ihn für den Rest des Morgens in ihren Armen. Er betete laut: „Jesus, dir leb' ich, Jesus, dir sterb’ ich, lieber Jesus, komm!“ Der Kaiser ruhte eine Weile aus. Dann bat er um die heilige Kommunion; Pater Zsambóki spendete sie ihm und gab ihm zuletzt die heilige Ölung. Die Eucharistie wurde in seinem Zimmer gefeiert, und er betete in der eucharistischen Gegenwart des Herrn. Etwa zehn Minuten bevor er starb, betete er: „Dein heiliger Wille geschehe. Jesus, Jesus, komm! Ja – ja. Mein Jesus, wie Du willst – Jesus.“ Dann flüsterte er leise „Jesus“ und starb. Es war Samstag, der 1. April 1922, kurz nach Mittag. Er war erst 34 Jahre alt.

Folgerungen

Inzwischen dürfte offensichtlich geworden sein, warum die drei Fragen vom Anfang dieses Essays nicht wichtig sind. Sie sind nicht wichtig, weil die Geschichte des seligen Karl allgemeingültig ist. Seine Geschichte betrifft Nordamerikaner, Lateinamerikaner, Asiaten, Afrikaner und Europäer. Sein Glaube inspiriert katholische Männer und Frauen, Ehegatten und Väter, Militärs, Politiker und Staatsoberhäupter. Sein Einfluss reicht über die Grenzen Österreichs und des alten Österreich-Ungarn hinaus und umfasst mit seinem christlichen Beispiel die Welt

Der selige Karl von Österreich muss heilig gesprochen werden! Nicht weil er es bräuchte, sondern weil wir sein inspirierendes und selbstloses Beispiel brauchen.

SELIGER KARL VON ÖSTERREICH – BITTE FÜR UNS!